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Leseprobe CONNEXI-2021-02 AIDS COVID-19 Infektiologie

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Magazin über Gesundheit, Medizin, Therapien

40 JAHRE

40 JAHRE AIDS Die Katastrophe, die Wissenschaft, die Norma Hans Jäger © istockphoto/3DStock, istockphoto/Jae Young Ju Die Katastrophe Die Wissenschaft CONFERENCES Fast alle jungen Männer mit großen blauen Flecken in der Haut und starker Atemnot starben. Wir sind in einer der besten Krebskliniken der Welt, 1981 in New York. Die vier Hs – Homosexuell, Heroinabhängig, Haitianer, Hämophile – beschreiben und vor allem stigmatisieren die Patienten. Interferon in Höchstdosen, Intensivstation, atypische Pneumonien, vollständig zerstörte Lymphknoten architekturen, neun T4-Zellen. Viele Künstler, Anfang 30. Die Schwulen. „Wir sind ein Klon“, sagten sie und meinten Haarschnitt, Kleidung, Verhalten und die Sicht, auf ihr, wie es schien, weiteres kurzes Leben. Die suizidbedrohten, zum Teil aggressiven jungen Patienten, ganz anders als die reichen Krebserkrankten in den Zimmern neben ihnen. Das Elend der Straßen von Queens und Brooklyn, der jungen drogenabhängigen Frauen in Kiew, Bombay und Kapstadt war noch größer. Darf ich mein Kind stillen? Wird es gesund sein? Wer zahlt die Medikamente? Der Fortschritt kam immer in der Mitte des Jahrzehnts. Paris und Washington stritten 1985 um die ELISA-Patente. Wir waren froh diagnostizieren zu können. Die AIDS-Hilfen waren gegen den Test auf breiter Basis, denn es gab keine Therapie. 1987: Zulassung von AZT. 22 Patienten waren im Jahr davor in unserer Schwabinger Arbeitsgruppe gestorben, drei im Jahr darauf. Eine wichtige, wenngleich begrenzte Verlängerung des ohnehin zu kurzen Lebens. So groß die Enttäuschung bei der internationalen Conference on AIDS 1993 in Berlin war, so erleichtert war nicht nur die medizinische Community 1996 in Vancouver. David Ho, der Virologe vom Aaron Diamond AIDS Research Center, New York, und Alan Perelson, der Biophysiker aus Los Alamos, erklärten, wie sich das Virus repliziert. Erste Studien zeigten die Effizienz der Viruslastmessung (Nachweisgrenze 10.000 Kopien!, bald darauf 500). Die Protease-Inhibitoren begannen ihren Siegeszug. Vancouver bedeutete auch, dass nicht schulmedizinische Therapien ihr Ansehen verloren. Johan- 6

lisierung © istockphoto/YakubovAlim niskraut und Ozontherapie verschwanden vom Radar deutlich schneller als sie gekommen waren. Mitte der 00er-Jahre: Für mindestens eine Dekade hatte jeder, der etwas auf sich hielt, behauptet: Es wird nie klappen mit der Integrase-Hemmung. Der Pessimismus lag gleichauf mit dem leider berechtigten Impfpessimismus. Doch dann: Raltegravir, 2007, first in class der heute wichtigsten Medikamentengruppe. 2DR-(zweifach)-Therapien haben das jahrzehntelange Dogma der absolut erforderlichen Dreifach- Kom binationstherapien zur Geschichte werden lassen und Long-Acting-Therapien, die derzeit zukunftsträchtigsten Methoden zeigen stabile Erfolge bezogen auf die Wirksamkeit und Verträglichkeit, die sich in aktuell laufenden Studien verstetigen. Die Normalisierung Dr. Hans Jäger dhanjaeger@hotmail.com Heilung wurde nicht erreicht. Wohl aber lässt sich über Remission sprechen, HIV/AIDS ist zu einer gut behandelbaren chronischen Erkrankung geworden. Keine vergleichbare bedrohliche Erkrankung hat in den letzten 40 Jahren so erhebliche medizinische Fortschritte, die auch direkt für die Patienten spürbar waren, vorzuweisen. Die Diskriminierungspotenziale sind noch vorhanden, aber deutlich kleiner als vor drei oder vier Jahrzehnten. Behandelte Patienten stecken grundsätzlich niemanden mehr an. PrEP hat das verhaltens- und kondombasierte Präventionsarsenal sehr erfolgreich bereichert. Was dürfen wir 2025 erwarten? CONFERENCES 7

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