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Leseprobe CONNEXI Schmerz Palliativmedizin Ausgabe 8-2019

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medizinisches Fachmagazin über Schmerz und Palliativmedizin, für Ärzte, mit retrospektiven Berichten vom Fachkongressen: Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2019

ICH BILDE MIR DEN

ICH BILDE MIR DEN SCHMERZ DOCH NICHT EIN Kommunikations- und Informationsprobleme mit Schmerzpatienten nachvollziehen Hans-Günter Nobis, Bielefeld © Shutterstock/iJeab Eine Untersuchung zur Gesundheitskompetenz kommt zu dem Ergebnis: „Einen Großteil der deutschen Bevölkerung – konkret 54,3 % – stellt der Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen vor Schwierigkeiten“ [1]. Der Wunsch nach verständlicher Information wird von über 90 % aller befragten Patienten als „sehr wichtig“ eingestuft. Allerdings entsprechen weniger als 30 % der Ärzte diesem Wunsch [2]. CONFERENCES Im Patientenrechtegesetz wird der Behandler verpflichtet, seinen Patienten in einem Gespräch verständlich und umfassend zu informieren [3]. Vor diesem Hintergrund, dass der Hausarzt mit 84 % als erste Informationsquelle gilt [1], aber die Konsultationszeiten in der niedergelassenen Praxis bei unter 10 Minuten liegen, werden Informationsvermittlung und Nachvollziehbarkeit schnell zu einem Glücksspiel [4]. Wenn dann noch psychosoziale Zusammenhänge von Schmerz erklärt werden müssen, kommt es schnell zu Kommunikationsproblemen [5]. Die Wirksamkeit von Information konnte in Studien belegt werden [6–8]. Interessant sind Ansätze, die gezielte Informationen zur Verhinderung einer Chronifizierung in einem frühen Stadium der Krankheitsentwicklung einsetzen [9, 10]. Belegt wurde auch, dass präoperative Informationen den postoperativen Schmerzverlauf günstig beeinflussen [11]. Konsequenterweise werden in vielen Leitlinien eine adäquate, individuelle Information und Beratung ausdrücklich empfohlen [12]. Krankheitsvorstellungen Trotz zunehmender Medienpräsens von Gesundheitsthemen haben Patienten mit chronischen Schmerzen immer noch ein erhebliches Informationsdefizit. So hält die Mehrheit „Schonung“ für die beste Behandlungsstrategie bei Rückenschmerzen [13]. Häufig haben Patienten mit Rückenschmerzen eher dysfunktionale Verarbeitungsstile, ein passives Bewältigungsverhalten und ein biologisch ausgerichtetes Krankheitsmodell [14]. Die typischen „Krankheitsvorstellungen“ und Erwartungen an den Behandler (Infobox 1) von Patienten sollten zu Beginn erfragt werden [5]. 32

ICH BILDE MIR DEN SCHMERZ DOCH NICHT EIN Stress Überforderung Infobox 1: Krankheitsvorstellungen von Schmerzpatienten. • Schmerz ist nur ein lokales Geschehen. • Schmerz weist immer auf einen körperlichen Defekt. • Skepsis bis Ablehnung gegenüber psychosozialen Mitwirkungsfaktoren • Ich kann selbst nichts machen. • Der Arzt ist der Experte. • in Erwartung gründlichster medizinischer Diagnostik • in Erwartung ausschließlich medizinischer Behandlung Inhalte einer Informationsvermittlung sollten daher sein [15–19]: •• Aufklärung über Diagnose und Behandlungsprinzipien, •• Vermittlung eines biopsychosozialen Krankheitsverständnisses, •• Nutzen von Schmerztagebüchern, •• Informationen zur Wirkungsweise und zum selbstkritischen Umgang mit Medikamenten. Eine besondere Herausforderung ist, Informationen über biopsychosoziale Zusammenhänge so zu vermitteln, dass der Patient sie auch „richtig“ verstehen und auf seine eigene Situation übertragen kann. Sonst führen seine „Vorurteile“ (Infobox 1) schnell zu Kommunikationsproblemen („Ich bilde mir den Schmerz doch nicht ein“) [19–21]. Erst durch die Vermittlung eines biopsychosozialen Schmerzmodells kann sich der Patienten der ganzheitlichen Sicht des Phänomens „Schmerz“ öffnen. Grundbotschaften Muskelentspannung Bewegungseinschränkung, Verspannung Erschöpfung Teufelskreis Chronischer Schmerz Die Gefahr eines ausschließlich somatisch orientierten Krankheitsverständnis bei Patient und Arzt liegt in einer überbetonten Suche nach Organabweichungen, der Ausblendung psychosozialer Risikofaktoren und der ausschließlichen Fixierung auf das Ziel Schmerzfreiheit [14]. Ein späterer Wechsel des Diagnose- und Behandlungskonzepts ist für den Patienten dann nicht nachvollziehbar und kränkend. Neben Information verbessert auch gute Kommunikation (Compliance) Behandlungsergebnisse [22]. Deshalb sollten schon in der frühen Phase der Zusammenarbeit entlastende Grundbotschaften vermittelt werden. Eine der zentralsten Botschaften an den Patienten ist der Satz: „Jeder Schmerz ist echt.“ Weitere Botschaften, die sich bei Schmerzkranken in beruflichen und sozialmedizinischen Problemlagen bewährt haben, sind in Infobox 2 zusammengestellt [23]. Infobox 2: Entlastende „Grundbotschaften”. • „Die Größe des Leids richtet sich beim akuten Schmerz oft nach seiner Stärke, beim chronischen Schmerz oft nach seiner Dauer.“ • „Schmerzen können auch ohne körperliche Schädigungen sehr heftig sein.“ • „Die in einem therapeutischen Rahmen zugelassene körperliche Aktivität ist nicht automatisch gleichzusetzen mit beruflicher Leistungsfähigkeit.“ • „Krankschreibung und Berentung sind sozialmedizinisch legitime Lösungen, aber vielleicht nicht die einzigen.“ Sorgen, Unruhe Schmerz Schonung Sozialer Rückzug Ängste Depression Resignation Abbildung 1: Teufelskreis Überforderung und chronischer Schmerz. CONFERENCES 33

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