Aufrufe
vor 1 Jahr

Leseprobe CONNEXI Schmerz Palliativmedizin Ausgabe 8-2019

  • Text
  • Palliativmedizin
  • Connexi
  • Behandlung
  • Palliative
  • Menschen
  • Hydromorphon
  • Methadon
  • Therapie
  • Schmerz
  • Schmerztherapie
  • Conferences
  • Patienten
medizinisches Fachmagazin über Schmerz und Palliativmedizin, für Ärzte, mit retrospektiven Berichten vom Fachkongressen: Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2019

PERSPEKTIVEN Einstieg in

PERSPEKTIVEN Einstieg in die Schmerztherapie mit medizinischem Cannabis Cannabis zählt zu den wohl ältesten Heilpflanzen, die es auf der Welt gibt. Seine medizinische Anwendung bietet vielen Patienten mit chronischen Erkrankungen und Schmerzen Linderung bei in der Regel guter Verträglichkeit. Mit der Änderung des Betäubungsmittelgesetzes im März 2017 wurde die Verschreibung von Cannabis zu medizinischen Zwecken auch in Deutschland ermöglicht. Patienten können seither nach entsprechender Indikationsstellung zu Lasten der GKV mit medizinischem Cannabis versorgt werden. Doch auch zwei Jahre nach Einführung des „Cannabis-Gesetzes“ besteht trotz steigender Verordnungszahlen und vielen ermutigenden Erfahrungen mit dieser Therapieoption noch häufig Verunsicherung beim Therapieeinstieg. Hier gelte es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, betonten Experten auf einem Symposium der Firma Canopy Growth Germany GmbH und ihrer medizinischen Marke Spectrum Therapeutics (vormals Spektrum Cannabis) anlässlich des Schmerz- und Palliativtages 2019. EDUCATION In der schmerz- und palliativmedizinischen Versorgung schwerkranker Patienten nehmen Cannabinoide einen zunehmend wichtigen Platz ein. Jeder Haus- und Facharzt kann seit 2017 getrocknete Cannabisblüten und -zubereitungen verordnen, wenn „1. eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung nicht zur Verfügung steht oder im Einzelfall nach der begründeten Einschätzung (…) nicht zur Anwendung kommen kann, 2. eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht (§ 31 Absatz 6 SGB V).“ Konkrete Indikationen, die als „schwerwiegend“ gelten, benennt der Gesetzgeber nicht, so dass die Therapiefreiheit mit der Indikationsstellung bei den Ärzten bleibt. Cannabinoide sind komplex wirksame Substanzen, sie beeinflussen nicht nur das Schmerzempfinden, sie regulieren den Schlaf- Wach-Rhythmus, den Appetit, die physische und psychische Befindlichkeit, Immunfunktionen und vieles mehr, entsprechend vielfältig ist ihr Einsatzspektrum. Zu den etablierten Krankheitsbildern, die eine Einnahme von medizinischem Cannabis rechtfertigen, zählen neuropathische und chronische Schmerzen, Appetitlosigkeit und Kachexie bei Tumorerkrankungen und HIV-Patienten, chemotherapieinduzierte Übelkeit und schmerzhafte Spastiken bei multipler Sklerose. Darüber hinaus wurden auch bei vielen anderen Indikationen vom BfArM bereits in der Vergangenheit aufgrund der guten individuellen Erfahrungen und dem enormen Leidensdruck der oft über Jahre symptomatisch belasteten Patienten Ausnahmegenehmigungen erteilt – trotz der vielfach noch lückenhaften Datenlage. Durch die Änderung des § 31 SGB V kann die Erstattung der Kosten durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen heutzutage nur noch in begründeten Ausnahmefällen abgelehnt werden, und die Kassen werden gleichzeitig verpflichtet, die Entscheidung über die Kostenübernahme innerhalb einer Frist von fünf Wochen (in der Palliativversorgung [SAPV] binnen drei Tagen) ab Antragstellung zu treffen. Der Einstieg in die Praxis Jeder schmerzmedizinisch tätige Arzt kennt Patienten mit jahrelanger Schmerzanamnese, denen etablierte Therapiestrategien nicht mehr weiterzuhelfen scheinen, die schulmedizinisch als austherapiert gelten. „Mit den Cannabisblüten erweitert sich unser Armamentarium, auch diesen Patienten wieder helfen zu können. Cannabisblüten geben uns einen modularen Therapiebaukasten an die Hand, mit dem wir unsere Therapiepläne individuell an die Patienten und ihre Beschwerden anpassen können“, betonte der Facharzt für Anäs­ 58

PERSPEKTIVEN © Dr. Sebastian Schulz 2016 thesiologie, spezielle Schmerztherapie und Palliativ medizin Dr. Patric Bialas aus Homburg/Saar. Entscheidend sei, dass wir uns von den immer noch bestehenden Vorurteilen verabschieden. Wird medizinisches Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakt verordnet, stellt sich die Frage der Sorten- und Dosisfindung. Bialas rät die Auswahl der Cannabisblüte, die Darreichungsform und Dosierung bei jedem Patienten individuell festzulegen und im Verlauf anzupassen. Wir sehen auch Patienten, bei denen das Rezepturarzneimittel Dronabinol (THC) keine Wirkung zeigt, eine Therapie mit Cannabisblüten dagegen effektiv ist, betont Bialas. Um die Potenziale der Therapie mit Cannabisblüten voll auszuschöpfen, seien Kenntnisse über die verschiedenen Blütensorten und Darreichungsformen und deren Verfügbarkeit Voraussetzung. Hier könne die Kommunikation und Vernetzung mit den ortansässigen Apothekern einen wichtigen Beitrag leisten. Therapeutisches Potenzial von Cannabisblüten Die medizinische Wirkung von Cannabis geht hauptsächlich auf die in der weiblichen Blüte enthaltenen Cannabinoide zurück. Die bekanntesten und bestuntersuchten Cannabinoide sind das psychoaktive -9-Tetrahydrocannabinol (THC) und das nichtpsychoaktive Cannabidiol (CBD). Cannabinoide wirken über die Rezeptoren CB1 und CB2. Während sich CB1-Rezeptoren vor allem im ZNS und im Gastrointestinaltrakt finden, werden CB2- Rezeptoren vor allem von Zellen des Immunsystems exprimiert. Beide modulieren Ionenkanäle, aktivieren Transkriptionsfaktoren (PPAR , PPAR ) und sind so an der Regulation zahlreicher Prozesse beteiligt. Ihre Grundwirkung ist eine rückkoppelnde Hemmung der synaptischen Transmission. Werden CB1-Rezeptoren am präsynaptischen Spalt durch Cannabinoide aktiviert, so wird die Ausschüttung von Neurotransmittern wie Dopamin, 5-HT und GABA gehemmt, ein Mechanismus ähnlich dem von Opioiden. Man spricht auch von einer retrograden Signalregulation der Neurotransmission. Während die Wirkung des THC als partieller Agonist an CB1 und CB2 unmittelbar über die Rezeptoren vermittelt wird, entfaltet CBD seine Effekte vorwiegend über eine Hemmung des Abbaus endogener Cannabinoide. Am CB1-Rezeptor sorgt CBD als partieller Antagonist dafür, dass die euphorisierende Wirkung des THC ausgebremst wird. Bei Anwendung von überwiegend CBD-haltigen Pflanzen bleibt das typische High-Gefühl aus. EDUCATION 59

Connexi - Leseproben