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Leseprobe CONNEXIPLUS 2020-6 Kardiorenale Achse

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connexiplus KI vorn

connexiplus KI vorn blickender Historiker mit etwas mehr intellektueller Beinfreiheit in seinem mentalen Spielraum Zukunft. Dabei muss er jedoch aufpassen, dass er nicht von der Gegenwart überholt wird, die an so vielen Orten unterschiedlich stattfindet. Genau mit diesem Spielraum möchten wir uns im dritten Teil unserer Pentalogie beschäftigen. Heute geht es darum, aus der Gegenwart eine mögliche nahe Zukunft der Medizin unter dem Schwerpunkt der Einsatzmöglichkeiten der künstlichen Intelligenz abzuleiten. Dies geschieht jedoch nicht um ihrer selbst willen, gewissermaßen wie in einem Science-Fiction-Roman, sondern mit dem Ziel, einen gemeinsamen Startpunkt auszumachen für einen diskursiven Resonanzraum, in dem wir zusammen über Träume, Dystopien und wünschenswerte Zukünfte den Austausch suchen können. Technologie: Zwischen mystischer Wunderkammer und überhöhtem Heilsbringer Auch wenn wir mit dem Blick auf die Zukunft für gewöhnlich nicht zuerst in soziologischen Strukturen, sondern in Technologien denken, die dann durch ihre Auswirkungen neue Strukturen ausbildeten, muss klar sein, dass Technologie an sich neutral ist. Es ist zu bewerten, was wir daraus machen oder nicht machen, im besten Sinne also, wie wir sie einsetzen oder verhindern. Die Technik und insbesondere der Einsatz der künstlichen Intelligenz hat demnach etwas „Ent-bergendes“, um den Begriff von Heidegger zu verwenden, der in seinem Vortrag in den 1950ern die Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz noch nicht absehen konnte. Da wir gerade nicht gut vorhersagen können, zu welchen Veränderung die Technologie führt, ist es eine grundlegende demokratische Herausforderung an uns alle, sich damit auseinanderzusetzen. Abbildung 1: HealthNavigator: Bald schon Realität? Der persönliche Gesundheitsnavigator mit Farbcodierung zum persönlichen Risiko, basierend auf Daten. Die einen begreifen sie ähnlich einer barocken Wunderkammer, als ein Raritätenkabinett an Kuriositäten, die keiner braucht und deren Nutzen noch lange nicht nachgewiesen ist. Die anderen überhöhen sie zur Heilsbringerin par excellence und sehen die großen Herausforderungen der Menschheit durch sie gelöst. Die Wahrheit und der Weg in die Zukunft werden wohl in Schlangenlinien zwischen beiden Polen laufen und ein ums andere Mal dahin oder dorthin ausschlagen. Zu einem Zeitpunkt, an dem wir unbedarft mit unseren Daten umgehen und uns an die Allgegenwart von Technologie gewöhnt haben, sind gerade diese Fragen dringender zu beantworten als je zu vor: Was wollen wir mit dem Einsatz von Technologie erreichen und welches gesellschaftliche Bild haben wir dabei im Blick: die Freiheit des Individuums oder die Nutzenmaximierung einer Gesellschaft? © HealthCare Futurists GmbH 48

BIG DATA, MACHINE LEARNING UND KI Wer nicht vordenkt, wird die Nachsicht haben © HealthCare Futurists GmbH Abbildung 2: Die App ist nicht mehr die Kür, sie ist die Pflicht auf dem digitalen Schaulaufplatz. Wir finden diesen Konflikt auch im Mesokosmos der Medizin wieder: Wenn wir uns den gerade stattfindenden technologieinduzierten Übergang von der arztzentrierten auf die patientenorientierte Medizin ansehen, zeigen sich diese zukünftigen Sollbruchstellen, auf die wir in Zukunft Antworten brauchen, da die Fragen immer lauter gestellt werden: Bleibt das Behandlungsmonopol bei einem Arzt an einem Ort und wird es durch Institutionen aufrechterhalten, die dem Patienten weder in ihrer Funktion noch ihrer demokratischen Legitimation ein Begriff sind? Oder wird der Patient sein Wahlrecht, seine Wahlmöglichkeiten immer weiter wahrnehmen? Wird der Mangel an gleichverteilten ärztlichen Kapazitäten dazu führen, dass die Patienten in einem Nachfragemarkt bleiben und demnach mit dem zufrieden sind, was sie mit ihrer Beiträge Mittel bekommen können? Oder wird die technologische Transformation das Selbstbild des Patienten verändern, dadurch, dass sie das erste Mal die Wahl haben, auf einen vor Ort-Termin lange zu warten oder zügig einen Online-Termin zu bekommen. Werden Versicherungstarife, die, sofort und ubiquitär verfügbar, sich zu 100 % auf den Einsatz einer künstlichen Intelligenz stützen, von Patienten angenommen werden? Dürfen sie gar teurer sein als die, die zur Diagnostik und Therapie ganz auf den menschlichen Arzt-Patient-Kontakt gründen? Werden sich die Patienten weiterhin als Werkstück in einen inversen Merkantilismus einfügen, das sich an den Arzt anpassen muss, indem sie ihre Ansprüche auf Abläufe in Arztpraxen ausrichten und akzeptieren, dass es hier mehr um Betriebswirtschaft als um Patientenwohl geht? Wenn die technologisch bedingte Reformation des Zugangs zu Medizinwissen ärztliche Leistung vergleichbar macht – man denke an die Auswirkungen der Erfindung der beweglichen Lettern − , wenn wettbewerbliche Elemente dadurch ins Spiel kommen und wenn Patienten zu Experten ihrer eigenen Erkrankungen werden, dann ist davon auszugehen, dass sie nicht mehr damit zufrieden sein werden eine Behandlung hingeklatscht zu bekommen. Es wird auch hier um Behandlungserlebnisse gehen. Den Übergang zum Digital Dealer gestalten Die Konsumgüterindustrie und viele Dienstleister kennen das schon. Sie bezeichnen es als „User Experience“. Darin liegt der Erfolg vieler digitaler Geschäftsmodelle. Bindung geschieht durch positive Erfahrungen und die müssen serviert werden, und zwar im ursprünglichen lateinischen Wortsinn des „Bedienens“. Hier tut sich ein digitales Paradoxon auf: Wer meint, durch den bloßen Einsatz von Technologie könne man doch auf die „User Experience“ pfeifen, der befindet sich auf dem Holzweg. Die Technologie ist ein Möglichmacher, ein Enabler. Machen müssen Sie es dann schon noch selbst. Und so entstehen gerade hunderte von Healthcare Apps connexiplus KI 49

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