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Leseprobe CONNEXI-2021-02 AIDS COVID-19 Infektiologie

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Magazin über Gesundheit, Medizin, Therapien

Erkenntnisse gewonnen

Erkenntnisse gewonnen haben und immer wieder Dinge gelingen. Ich sehe das sehr positiv. Nur die Geschwindigkeit, die wir uns wünschen, hat es noch nicht und die Heilungsforschung bleibt eine große Herausforderung. Wir brauchen vor allem Patienten, die motiviert und bereit wären, trotzdem dass sie sehr gut und bequem eingestellt sind unter einer ART, an solch aufwendigen Studien, die wir im Rahmen der Heilungsforschung machen müssen und wollen, teilzunehmen. Wie viele HIV-positive Menschen gibt es zurzeit in Deutschland (die dann z. B. auch für derartige Studien zur Verfügung stehen könnten)? Das RKI geht zuletzt von 90.000 Menschen aus, die mit einer HIV-Infektion leben. Bezieht man sich auf die UNAIDS-Ziele von 90-90-90, schneiden wir in Deutschland sehr gut ab, was die Behandlungs- Effektivität betrifft, d. h. über 90 % der Patienten erreichen eine Viruslast unter der Nachweisgrenze. Wer in Deutschland mit einer HIV-Infektion diagnostiziert ist, ist im Allgemeinen auch in regelmäßiger Betreuung durch eine HIV-Schwerpunktpraxis. Was wir uns noch mehr wünschen würden, ist die frühere Entdeckung von HIV-Patienten. Über 10.000 Menschen in Deutschland wissen nichts von ihrer HIV-Infektion, sind damit unbehandelt und weiterhin ansteckend. Leider ist es auch so, dass ein relevanter Anteil in Deutschland noch immer erst sehr spät mit einer HIV-Infektion diagnostiziert wird. Das würden wir gern vermeiden, weil die späte Diagnose einer HIV-Infektion auch langfristig, für den Betroffenen Nachteile hat. Je früher wir diagnostizieren und behandeln, desto mehr Vorteile hat das: Die Person selbst wird weniger krank in Zukunft und sie kann die HIV-Infektion auch nicht mehr übertragen. Wie kann man das erreichen? Das ist ein Problem. Es ist, wie wenn Sie von der Kanzel in der Kirche predigen, Ihr müsst mehr in die Kirche kommen, dann predigt man das ja im allgemeinen denen, die schon in der Kirche sind. Wenn wir HIV-Behandler uns gegenseitig erzählen, dass man mehr testen muss, dann nützt das nichts. Wir müssen raus, wir müssen andere Fachgebiete ermutigen mehr zu testen, wir müssen besser aufklären. Es gibt ja viele Legenden im Rahmen der Der DÖAK 2021 in virtueller Form war ein sehr lebendiger und wissenschaftlich hochinteressanter Kongress. CONFERENCES HIV-Infektion. Eine davon ist, dass man zu jedem HIV-Test eine Unterschrift leisten muss – und das vor dem Hintergrund, dass sich inzwischen jeder in der Apotheke einen HIV-Test kaufen kann. Das ist absurd. Oder dass es das Budget belastet oder oder oder… es gibt viele Berührungsängste. Zwar hat sich schon vieles gebessert, aber wir sind bei Weitem noch nicht da, wo man sein könnte. Ich wünsche mir, dass mehr getestet wird, dass mehr Testangebote gemacht werden. Was schon funktioniert, das ist die PrEP. Wir haben damit mit einem Mal Menschengruppen 12

INTERVIEW erreicht, die wahrscheinlich vorher selten beim Arzt waren und nicht regelmäßig auf STI untersucht wurden. D. h. wir haben jetzt neu Personen mit hohem HIV-Risiko gefunden, die auch regelmäßig in eine Betreuung gehen, und das ist neben vielen anderen Vorteilen ein wesentlicher Vorteil der PrEP. Es ist großartig, dass für diese Menschen jetzt ein Angebot besteht und sie nicht erst dann beim Arzt vorstellig werden, wenn sie die HIV- Infektion schon haben. Welche Probleme bestehen noch? Das Problem ist, dass die meisten Personen, die eine PrEP nehmen, mit Sicherheit nicht so gern ein Kondom benutzen. Und Fakt ist, dass seit Einführung der PrEP die Zahl der bakteriellen Geschlechtskrankheiten wie z. B. die Syphilis oder Gonorrhö, Chlamydien und Mykoplasmen deutlich ansteigen. Es gibt inzwischen große, auch weltweite Implementierungsstudien, sie zeigen, dass es durch die PrEP zu einem weiteren Anstieg von Geschlechtskrankheiten kommt. Und dass mehr Menschen, obwohl sie entsprechendes Risikoverhalten haben, auf Kondome komplett verzichten. Ein Vorteil ist zwar, dass bakterielle Geschlechtskrankheiten heute im Allgemeinen gut behandelbar sind. Allerdings sehen wir gerade bei Mykoplasmen und Neisseria gonorrhoeae auch einen beunruhigenden Anstieg von Resistenzen. Also: Auch, wenn es keiner so gern hören mag, Kondome sind immer noch ein effektiver Schutz gegen alle Geschlechtskrankheiten, das muss weiterhin kommuniziert werden, auch wenn dieser Schutz nicht 100 % ist, aber das ist er bei der PrEP auch nicht. Das Motto des DÖAK 2021 ist „Pandemien gestern und heute“ – das AIDS-Virus konnte in 40 Jahren nicht ausgerottet werden. Wird das nach Ihrer Meinung bei dem aktuell grassierenden Virus gelingen? Das ist eine ganz schwierige Frage. Ich persönlich bin überzeugt, Corona-Viren hat es schon lange gegeben, und es wird sie auch weiterhin geben. Ich glaube, dass neben allem anderen, was wir machen können, um wieder zu einem normalen gesellschaftlichen Leben zurückzukehren, die Impfung wirklich die wichtigste Maßnahme ist. Aber wir wissen, die Evolution geht weiter. Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns darauf verlassen können, dass wir mit einer Durchimpfung der Weltbevölkerung das Problem lösen. Ich denke, dass wir die Impfungen weiterentwickeln müssen, weil es keine Garantie gibt, dass sie für immer gegen SARS- CoV-2 schützen. Es wird vielleicht auch wieder Ausbrüche geben, die wieder Hygiene- und Schutzmaßnahmen erforderlich machen. „Jetzt haben wir alles gut im Griff“, daran mag ich, nach allem, was wir bis jetzt gelernt haben, noch nicht so recht glauben. Wir haben mehr Instrumente gefunden, die Pandemie zu beherrschen, ich würde mir allerdings politisch noch mehr Gedanken wünschen, was man noch besser machen kann: Testkonzepte entwickeln, überlegen, wie man aus dem, was wir z. B. bzgl. der Schulen jetzt gelernt haben, die richtigen Schlüsse zieht. Wenn man sieht, was gerade in Ländern wie Indien oder Brasilien passiert, wie sich Mutanten und Varianten so schnell entwickeln können, weil viele Menschen infiziert sind, sollte man (vor allem die politischen Entscheider) die Atempause, die durch die Impfungen jetzt vielleicht entstehen kann, dazu nutzen, sich nicht sofort wieder dem Tagesgeschäft zu widmen, sondern zu überlegen, wie können wir in Zukunft besser reagieren und vielleicht auch über notwendige Shutdown-Maßnahmen hinaus überlegen, was zu tun ist. Herr Dr. Esser, vielen Dank für dieses Gespräch. Die Fragen stellte Elke Klug CONFERENCES 13

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