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Leseprobe CONNEXI AIDS Hepatitis Ausgabe 6-2019

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medizinisches Magazin über AIDS und Hepatitis für Fachärzte, Retrospektive vom Deutsch-Österreichischen AIDS Kongress DOEAK 2019 und der Münchner AIDS und Hepatitis Werkstatt 2019

CHEMSEX

CHEMSEX 2019 CONFERENCES •• Scham •• Intimität •• Sexualität •• Fetisch, Kink, andere sexuelle Bedürfnisse •• Rausch •• Leistungsdruck •• Lebens-Optimierungsdruck •• Identitätsfragen/Zugehörigkeit •• Eskapismus Der ambulante und/oder stationäre somatische Entzug gestaltet sich daher als sehr komplex. Vor allem beim Entzug von GBL (stationär z. B. mit Xyrem® möglich) besteht nur wenig Erfahrung: Internistische Kliniken sind mit dem alternierenden Wechsel zwischen hyper- und hypokinetischem Delir während der Entzugsphase von GBL überfordert, psychiatrische Kliniken dagegen haben keine ICU (intermediate care unite) zur somatischen Überwachung von Kreislauffunktionen, was beim Entzug von GBL zunehmend notwendiger wird. Medizinisches und psychotherapeutisches Fachpersonal ist nur selten sensibilisiert noch ausreichend geschult dafür. Es bestehen, mit wenigen Ausnahmen, keine gut etablierten, adaptierten Nachsorgekonzepte. Daher sind auch die Rückfallquoten hoch. Hier bedarf es neuer Versorgungskonzepte mit Körperarbeit: Menschen Nähe und Intimität neu erfahren lassen, sexuelle Fantasien neu belegen, anstelle von Penetration Berührung, Empfindung, gegenseitiges sich Spüren, metaphorische Verschmelzung, Riechen, Schmecken als sexueller Akt für sich neu finden und definieren. Nähe ohne Substanzen aushalten, aber auch respektvolles Nein- Sagen lernen, sich abgrenzen ohne zu verletzen, abzuwerten. Ein „Nein“ nicht als Abwertung zu empfinden, sich zuhören und verstehen im Zeitalter anonymer Dating-Applikationen, wo wir uns zu schnell hinter „wegwischen“ und „blocken“/„ghosting“ verstecken. Dr. Martin Viehweger mail@martinviehweger.com Aufklärung und Edukation im Bereich Sex, Intimität, Schulung für medizinisches Personal, Schulungen für Psychotherapeut*innen, um Klient*innen beim Entzug adäquate Gesprächs- und Therapieoptionen geben zu können. Workshops für Saunen/Bars/Clubs zum Safer Clubbing und Partying – das Fachpersonal am Empfang, an der Tür, an der Theke benötigt Weiterbildung für den Fall, dass Kund*innen bewusstlos sind, in eine Psychose fallen, sich verletzen. Offene Abende in Bars können einfache Alternativen zum oft erlittenen, frustrierenden und vor allem abhängigkeitsbedingten Zeitverlust auf DatingApps darstellen und z. B. zu Spieleabenden, Lesungen zu Themen wie Männlichkeit, Drag-Workshops oder offenen Mikrofonen einladen. Leitlinien zur Identifizierung, wann ein Konsum zu einem Überkonsum wird, wie eine Art Ampelschema, könnten zusammen mit einem Behandlungsleitfaden Algorithmen und Adressen empfehlen, wo man selbst in der Sprechstunde bei Klient*innen einen Überkonsum identifizieren konnte, nun aber nicht weiß, wie weiter verfahren. 36

CHEMSEX 2019 Dafür benötigt es auch Forschung/Datenerhebung zur Visualisierung der aktuellen Situation des problematischen Konsums und Evaluation von sich etablierenden Konzepten, zur allfälligen Re- Finanzierung. Ein interaktives, integratives Netzwerk (am besten unabhängig oder checkpointassoziiert) könnte mit einer Koordinierungsstelle (z. B. vom Senat) Anlaufstelle, Informationspunkt, Organisation dieser Bedürfnisse Potenzial bündeln und Synergien herstellen. Fachtagungen würden darüber hinaus (inter-) national informieren und kollaborieren. Um Daten und Netzwerkstrukturen breit zugängig zu machen, wäre die Etablierung einer Onlineplattform mit online blackboard für Zugriff auf Infos und Daten für alle sinnvoll. Ziele des ChemSexNetzwerks Berlin Um diese Bedürfnisse zu realisieren hat sich das ChemSexNetzwerk Berlin zu einer Bestandsaufnahme in einer ersten Sitzung im Januar 2018 mit relevanten und interessierten Diensten und Personen, die im Bereich tätig sind, getroffen. Wichtige Punkte für die Primärprävention bis hin zu Therapieleitlinien sind die Förderung der Vernetzung für Synergien, um ein gemeinsames Verständnis der Sexualkultur von ChemSex und ihren Herausforderungen zu entwickeln. Es geht um die Förderung der beruflichen Entwicklung innerhalb und außerhalb des Netzwerks, zur Verbesserung gemeinsamer Kompetenzen für Substanzkonsum und schwule Sexualität. Wir wollen Behandlungspfade entwickeln und Ressourcen visualisieren und verknüpfen. In gemeinsamer Politik als gemeinsame Interessenvertretung kann somit ein Kompetenzforum entstehen, um ein kompetenter Gesprächspartner für Regierung, Gesundheitsplaner*innen und anderen Institutionen zu sein. Ein Forum, in dem Mitglieder Bedenken oder Konflikte ansprechen und lösen können. Aktivitäten des ChemSexNetzwerks Zwischen vierteljährigen großen Netzwerktreffen treffen sich Arbeitsgruppen in kleineren Arbeitsgemeinschaften: AG Leitlinien, AG Fortbildung und Außendarstellung, AG Forschung, AG Behandlungspfade/Therapie, AG Finanzen. Bei jedem Netzwerktreffen berichten diese Arbeitsgruppen über ihre Fortschritte. Im Februar 2019 erfolgte die Vorstellung beim Senat: Frau Köhler- Azara, Herr Backes sowie Heike Drees vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband waren anwesend und haben uns zu Anträgen für Workshops zu Körperarbeit (auch zur rehabilitativen Nachsorge), zur Etablierung einer Onlineplattform mit Blackboard für Daten, zu Fachtagungen und für eine Koordinierungsstelle motiviert. Eine Anerkennung der bisherigen Leistungen und dessen Notwendigkeit erhielt das Netzwerk aktuell im Zuspruch finanzieller Unterstützung durch den Senat zur Ausstattung des ersten deutschen Fachtages zum Thema ChemSex. Dieser wird zurzeit für Freitag, den 25. Oktober 2019 in Berlin erstmalig konzipiert und soll Gesundheitssystem, Suchthilfesystem, Suchtberatung, Suchtbehandlung, Selbsthilfe und Drogenberatung mit schwulem Leben und sexueller Gesundheit zusammenzubringen. Nächste öffentliche Präsenz ist für den IAPAC- (International Association of Providers of AIDS Care) Fast-Track-City in London geplant, wo wir unser Netzwerk im September international vorstellen werden. Dr. med. Martin Viehweger Aktivist für sexuelle Gesundheit Grünberger Str. 16, 10243 Berlin CONFERENCES 37

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