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Leseprobe CONNEXI Diabetes und Adipositas Ausgabe 4-2019

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TYP-2-DIABETES BEI

TYP-2-DIABETES BEI ADIPOSITAS Diabetesremission, (k)ein Hungerlohn Nina M. T. Meyer, Stefan Kabisch und Andreas F. H. Pfeiffer, Berlin Diabetes wird häufig noch mit Dicksein und dem übermäßigen Konsum von Schokoriegeln verbunden. Es ist auch etwas dran: Nicht nur, dass Diabetes eng mit Adipositas assoziiert ist, auch spielt die Nahrungsqualität in der Krankheitsentstehung eine wichtige Rolle. Ganz so einfach ist es trotzdem nicht. So gibt es sowohl schlanke Menschen mit, als auch Dicke ohne Diabetesund das sind keine Raritäten [1]. CONFERENCES Gewichtszunahme ist eine typische Ursache für die Manifestation von Typ-2-Diabetes; Gewichtsverlust drängt die Krankheit oftmals zurück. Dies zeigt eine aktuelle Studie an britischen Patienten mit relativ frischer Diabetesdiagnose. Gewichtsreduktion um etwa 15 kg führte bei etwa 85 % dieser Patienten zu einer Remission des Diabetes. Diabetesremission ist definiert durch einen HbA1c- Wert von unter 6,5 % ohne Diabetesmedikation, mindestens ein Jahr nach Gewichtsreduktion. Das Ausgangsgewicht erschien hierbei unerheblich [2]. Ähnliche Ergebnisse zeigte eine unabhängige Studie, in der auf kohlenhydratarme Ernährung kombiniert mit erheblicher Gewichtsreduktion gesetzt wurde [3]. Ebenso wichtig wie das absolute Gewicht scheint also die Gewichtsdynamik zu sein. In der Nurses Health Study war ein BMI von 23,4 kg/m² mit einem verdoppelten Diabetesrisiko gegenüber einem BMI von 21 kg/m² assoziiert [4]; Gewichtszunahme von etwa 4–5 kg verdoppelte das Diabetesrisiko erneut. In Kombination erklärt sich das potenzierte Diabetesrisiko bei massivem Übergewicht. Doch wodurch passiert das? Gewichtszunahme beruht wesentlich auf der Fettmasse. Dabei ist aber die Speicherkapazität des physiologischen Unterhautfettgewebes limitiert [5]. Zusätzliches Fett lagert sich ektop ab: in Leber, Pankreas, Muskulatur, aber auch in Endothelzellen. Diese Gewebe werden dadurch in ihrer Funktion beeinträchtigt. Die Lokalisation des Fetts ist also relevant: im Bereich der unteren Körperhälfte stellt es wahrscheinlich eher einen metabolischen Schutzfaktor dar [5], oft zu finden beim Phänotyp der „gesunden Dicken“ (Metabolically Healthy Obese, kurz MHO). Abdominelles oder viszerales Fett dagegen führt 36

TYP-2-DIABETES BEI ADIPOSITAS zu ungesunder Adipositas [6]. Diese ist – durch teils noch unklare Mechanismen – mit den Komponenten des metabolischen Syndroms assoziiert: Bluthochdruck, Hyperglykämie, Dyslipidämie, subklinische Inflammation, Hyperurikämie. Jüngere Frauen erfüllen häufiger den MHO-Phänotyp, aber selbst diese Personengruppe hat ein deutlich höheres kardiovaskuläres Risikoprofil im Vergleich zu Schlanken [4]. Nina Marie Tosca Meyer nina.meyer@dife.de Wie genau kommt es zu Diabetes bei ungesunder Adipositas? Ektope Fettspeicherung führt zur Insulinresistenz, schwächt also die Glukoseaufnahme in die Zelle und entfesselt die hepatische Glukoneogenese. Zudem werden die -Zellen des Pankreas dabei eingeschränkt, Insulin zu produzieren [1, 7]. Der hierdurch steigende Blutzucker wirkt nicht nur direkt gewebstoxisch, sondern fördert auch die weitere Einlagerung von Fett: ein Teufelskreis also [7]. Wer aber durch Gewichtsabnahme sein Organfett stark absenkt, profitiert oftmals besonders stark hinsichtlich des Blutzuckers [8, 9]. Warum einige einen BMI von über 30 erreichen können, bis sie diabetisch werden, andere das aber schon bei 25 tun, ist jedoch weiterhin nicht geklärt. Entscheidend ist wohl, wie empfindlich man gegenüber den biochemischen Effekten ist, die durch den Fettüberschuss auf die Gewebe ausgeübt werden. Eine Theorie ist daher, dass jeder Mensch eine individuelle „Fett-Schwelle“ hat, ab der er Insulinresistenz und damit Diabetes entwickelt [1]. Wie bei allem spielt also Genetik auch hier eine große Rolle [10]. Dennoch ist man selbst bei genetisch „ungünstiger“ Ausgangssituation seinem Schicksal nicht machtlos ergeben, denn Genetik und Umwelteinflüsse interagieren. Ein gesunder Lebensstil – körperliche Aktivität, ausgewogene Ernährung – kann die Ausprägung einer Dr. med. Stefan Kabisch stefan.kabisch@dife.de Prof. Dr. med. Andreas F. H. Pfeiffer afhp@charite.de CONFERENCES 37

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