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Leseprobe CONNEXI Diabetes und Adipositas Ausgabe 4-2019

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PRÄVENTION UND

PRÄVENTION UND BEHANDLUNG Bewegung und Bewegungsempfehlungen CONFERENCES Allgemein wird körperliche Aktivität als jede Bewegungsform definiert, die mit einer Steigerung des Energieverbrauchs in Alltag, Freizeit und Beruf einhergeht [8]. Sport ist definiert als geplante, strukturierte, wiederholte Aktivität mit dem Ziel, die Fitness zu verbessern bzw. zu erhalten. Denn schon lange gilt die Fitness als Schutzfaktor und wichtiger Prädiktor für die kardio-metabolische Morbidität und Mortalität, auch im Kontext von Übergewicht/Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 [9]. Neben der körperlichen bzw. kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit zählt zur Fitness auch die Muskelkraft und damit Körperkomposition und Flexibilität [10]. Als „Dosis” wird der Energieaufwand, die Intensität als Rate des Energieverbrauchs im Rahmen ausgewählter Aktivitäten, meist ausgedrückt als VO 2 max (oder relativ bezogen auf das individuelle Körpergewicht) bzw. metabolische Einheiten verstanden. Allerdings wird die Fitness als Surrogatparameter nur selten berücksichtigt; die Empfehlungen basieren im Wesentlichen auf den Umfängen, die moderat (150 min/Woche bzw. 30 Minuten an mindestens fünf Tagen in der Prävention bzw. mindestens 200 bis 300 min/Woche in der Therapie der Adipositas [4, 5]; Tabelle 1) erreicht werden sollen – sicherlich auch mit dem Ziel, „fitter“ zu werden. Insbesondere bei bewegungsarmen bzw. sportungewohnten Personen kommt es rasch zu einer Steigerung der Fitness, wenn sie beginnen. Anders ausgedrückt haben sie den höchsten gesundheitlichen Nutzen; aus motivationalen Gründen sollte dies in der Beratung stets betont werden. Nicht immer ganz eindeutig ist die Trennung von Sporttreiben und Alltagsaktivitäten, deren tägliches Ziel zumeist mit 10.000 Schritten angegeben wird. Um 1.000 Schritte zu absolvieren, sind etwa zehn Minuten nötig; die empfohlenen 10.000 Schritte umfassen daher 100 Minuten am Tag! Diese Differenzierung ist für die Praxis von Bedeutung, um die „wirksame“ Dosierung von Bewegung auch tatsächlich zu erreichen. Dies muss nicht von einem auf den anderen Tag geschehen, die Steigerung sollte im wahrsten Sinn des Wortes schrittweise erfolgen. Körperliche Inaktivität Prof. Dr. med. Dr. Sportwiss. Christine Graf graf@dshs-koeln.de Im wissenschaftlichen Fokus steht im Moment die körperliche Inaktivität bzw. vor allem die Sitzbzw. Liegezeit [11]. So scheint ein „übermäßiges Sitzen“, v. a. vor Bildschirmen/TV, mit der Entwicklung von Übergewicht, Diabetes, kardiovaskulären Ereignissen, aber auch höheren Spiegeln an inflammatorischen Markern in Verbindung zu stehen. Die „aktive“ Reduktion der Sitzzeit führt u. a. zu einer Steigerung der Telomerlänge im Sinne der verlangsamten Zellalterung bei Älteren [12] etc. Selbst Stehen wurde als „gesünder“ bewertet als sitzen [13]. Übertragen in die Praxis geht es 42

PRÄVENTION UND BEHANDLUNG letztlich darum, unnötige Phasen der Inaktivität zu meiden oder zumindest durch aktives Bewegen zu unterbrechen (Tabelle 1). Ausgewählte Effekte des gesundheitlichen Nutzens von körperlicher Aktivität Der gesundheitliche Nutzen von körperlicher Aktivität ist heutzutage nahezu für alle Altersgruppen sowie in der Prävention und Rehabilitation/Therapie unumstritten. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind vielfältig; im Zentrum stehen u. a. die Adipozytokine und Myokine. Das viszerale Fettgewebe ist inzwischen als ein endokrines Organ bekannt, das eine Vielzahl bioaktiver Faktoren produziert. Diese spielen eine mehr oder minder wichtige Rolle in der Regulierung des Fett- und Kohlenhydratstoffwechsels (zusammengefasst in [14]) und tragen zu den bereits genannten Folgeerkrankungen bei. Zu diesen Adipozytokinen zählen u. a. Leptin, Adiponectin, Interleukin-6 (IL-6), Resistin, Fibroblasten-Wachstumsfaktor 21 (FGF21), Angiotensinogen, Tumor-Nekrose-Faktor (TNF) alpha, Plasminogen-Aktivator-Inhibitor-1 etc. Auf der anderen Seite gilt das Muskelgewebe ebenfalls als hormonaktives Organ. Das erste Zytokin, von dem ein belastungsinduzierter Anstieg beschrieben wurde, war IL-6. Dabei zeigte sich ein bis zu 100facher Anstieg bzw. ein Abfall nach der Belastung [15, 16], was wiederum die Lipolyse sowie die Fettoxidation steigert und den Effekten von TNF-alpha – Förderung der Insulinresistenz – bzw. der IL-1-Produktion gegensteuert. Antiinflammatorische Wirkung zeigt auch der in der Adipogenese zentral diskutierte Peroxisom- Proliferator-aktivierte Rezeptor Gamma (PPARy). Dessen Aktivierung wirkt sich zusätzlich positiv auf den Glukosestoffwechsel und die Insulinsensitivität, auf die Aufnahme freier Fettsäuren und die Tabelle 1: Empfehlungen für körperliche Aktivität bei Diabetes sowie im Kontext von Adipositas [4, 5] (in Klammern stehen die jeweiligen Evidenzgrade) Erwachsene mit Typ-1-(C)- und Typ-2-(B)-Diabetes sollten sich 150 Minuten oder mehr in moderater bis intensiver Intensität pro Woche aerob bewegen, verteilt auf wenigstens drei Tage/Woche, mit nicht mehr als zwei aufeinanderfolgenden Tagen ohne Bewegung. Kürzere Dauer (mindestens 75 Minuten/Woche) mit intensiver Aktivität oder Intervalltraining mag effizient für jüngere und fittere Individuen sein. Erwachsene mit Typ-1-(C)- und Typ-2-(B)-Diabetes sollten an 2–3 Sessions/Woche Krafttraining durchführen; nicht an aufeinanderfolgenden Tagen. Alle Erwachsenen, besonders die mit Typ-2-Diabetes, sollten die Umfänge an (vermeidbarer) Sitzzeit am Tag reduzieren (B) „Langanhaltende“ Sitzphasen sollten alle 30 Minuten unterbrochen werden, dies gilt besonders für Erwachsene mit Typ-2-Diabetes (C). 2–3x/Woche wird Flexibilitäts- und Gleichgewichtstraining für ältere Erwachsene mit Diabetes empfohlen. Yoga und Tai Chi kann – je nach individueller Neigung – ebenfalls durchgeführt werden, um Beweglichkeit, Muskelkraft und Gleichgewicht zu steigern (C). Im Kontext Adipositas: Bewegungsumfänge von 200–300 Minuten (A) und Energiedefizit von 500 bis 700 kcal (A) anstreben. Differenzierung von Adipozyten aus [17]. Auf der Ebene der Mitochondrien scheinen beispielsweise Defekte in der Regulierung durch den PPAR Coactivator-1 (PGC1) eine Rolle in der Entstehung des Diabetes Typ 2 zu spielen. Man findet ihn downreguliert in der insulinresistenten Skelettmuskulatur; umgekehrt steigt er infolge von Bewegung – u. a. durch eine Zunahme der Mitochondriendichte und der gesteigerten Expression von GLUT4- Transportern [18]. Diese Studien spiegeln letztlich nur einen minimalen Ausschnitt der Forschung und vor allem der Komplexität dieses Themenfeldes wider. Inwiefern es wirklich möglich ist, die Vielfalt sämtlicher akuten, also belastungsinduzierten und chronischen, d.h. trainingsbedingten Einflüsse unter Berücksichtigung der individuellen Ausgangslage, der weiteren Einflussfaktoren wie Ernährung komplett zu erfassen, kann aktuell gar nicht beantwortet werden. Transfer in die Praxis Durch das Wissen um diese komplexen Wechselwirkungen wird immer deutlicher, dass es vermutlich weniger um die Frage der richtigen Sportart oder Bewegungsform geht, sondern vielmehr um ein „Hauptsache, es wird gemacht!“. Der Einstieg über eine Steigerung der Alltagsaktivität ist sicher- CONFERENCES 43

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