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Leseprobe CONNEXIPLUS 2020-2 Kardiorenale Achse

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erstes interdisziplinäres fachmagazin zu kardiologie, nephrologie und diabetologie sowie lipidologie, biomarkern und ernährung

hinweg konstant zu

hinweg konstant zu halten. Für Herz-Kreislauf- Erkrankungen gibt es ganz ähnliche Daten, dass alle Menschen von Lebensstilverbesserungen profitieren. Die relative Risikoänderung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch eine Verbesserung des Lebensstils ist bei drei Gruppen, ob hohes, mittleres oder niedriges Risiko, gleich groß. Die absolute Risikoreduktion ist aber bei Menschen mit erhöhtem genetischem Risiko folglich sogar größer. Das heißt, jemand, der genetisch vorbelastet ist, profitiert letztlich mehr von einem gesunden Lebensstil als jemand, der genetisch bevorteilt ist. Also Genetik ist kein Grund, nichts zu tun, eher im Gegenteil, man sollte umso mehr auf seine Ernährung achten. Wichtig ist am Ende, dass man eine Gewichtsreduktion hinbekommt. Mit welcher Diät das erreicht wird, ist eigentlich nicht die Frage. So sehe ich auch das Intervallfasten als eine Erweiterung des Methodenspektrums. Ich glaube, dass es vor allem hilft, Gewicht zu halten. Aber das ist eher eine Expertenmeinung als dass es durch Studien tatsächlich gut untersetzt ist. Sicher ist, es wird keinesfalls, weil es jetzt gerade in Mode ist, massiv das Adipositasproblem für alle lösen. Und es ist auch hier wie bei jeder Diät, sie funktioniert nur, wenn sie durchgehalten wird. Das ist am Ende das große Problem bei allen Strategien zur Gewichtsreduktion, unsere Disziplin. connexiplus NUTRITION Zurzeit ist als Strategie zur Gewichtsreduktion Intervallfasten ziemlich in Mode gekommen. Es existieren ja zahlreiche solcher Strategien, die in unterschiedlichen Zeiträumen immer einen gewissen Hype erfahren. Wie würden Sie das Intervallfasten in diesem Methodenspektrum verorten? Es ist eine Erweiterung der vorhandenen Möglichkeiten. In der aktuell noch gültigen Adipositas-Leitlinie zur Prävention und Therapie [3] wurde ganz bewusst darauf geachtet, dass man keine Diät als geeigneter vorschlägt. Es gibt nicht die eine Diät, die „die ganze Wahrheit“ für sich beanspruchen kann. Selbst wenn verschiedene Szenarien untersucht wurden, eine standardisierte und eng durch Fachkräfte begleitete Ernährungsstudie wird immer besser funktionieren als eine Diät im echten Leben. Es wird also immer sinnvoll sein, dass man die Strategie nicht danach aussucht, ob sie in einer Studie besser funktioniert hat als eine andere, sondern muss immer danach schauen, was mit meinem Patienten am besten funktioniert. Weil die Menschen das Empfohlene ja auch umsetzen müssen, es muss in das Lebensumfeld passen, in den Tagesablauf, zu Vorlieben, zur Persönlichkeit etc. Sollten beim Intervallfasten Vitamine oder andere Nahrungsbestandteile über Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden? Das liegt im Ermessen des begleitenden Arztes. Die Entscheidung hängt davon ab, wie die Qualität der Ernährung vor der Diät war, wie Art und Qualität der Diät sind und wie groß die Differenz in der zugeführten Energie ist. Wird der Betreffende ernährungstherapeutisch oder -medizinisch mit einer bestimmten Diät betreut, wird der Spezialist abschätzen, ob bestimmte Mineralstoffe oder Spurenelemente oder Vitamine evtl. in zu geringem Maße aufgenommen werden. Man muss schauen, wie ist der Versorgungsstatus des Patienten, besteht ein Bedarf, entweder wegen der diätetischen Maßnahme oder der Qualität der früheren Ernährungsweise. Bestimmte Werte sind auch messbar, z. B. ganz klassisch die B-Vitamine. Ein generelles Supplementieren empfehle ich nicht, da wir ja wissen, dass unkontrolliertes Supplementieren bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu einer Risikoerhöhung führen kann, Beispiel Calcium. Meine generelle Empfehlung ist, den Patienten anschauen, ob ohnehin ein Nährstoffmangel besteht, entschei- 38

ERKRANKUNGSRISIKEN UND ERNÄHRUNG den, ob man diesen Nährstoffmangel durch eine Ernährungsumstellung beheben kann und klären, ob und wie die Empfehlungen umgesetzt werden. Wie ist die wissenschaftliche Evidenzlage zum Intervallfasten? Auch das Intervallfasten macht vermutlich nur dann wirklich Sinn, wenn es tatsächlich zu der gewünschten Kalorienreduktion kommt. Die generelle Frage, die wir studientechnisch noch nicht ganz beantworten können, ist, wie lang müssen dafür z. B. Pausen zwischen den einzelnen Mahlzeiten sein? Gibt es dafür individuelle Unterschiede oder gilt für alle Menschen die gleiche Zeit? Macht es vielleicht auch Sinn, abends keine Kohlenhydrate mehr zu essen, wie lange sollte ich fasten, damit der Körper auch wirklich in den Hungerzustand kommt, und wie viel darf ich essen, damit er nicht in den Speicherstatus übergeht. Es gibt interessante Daten für das Intervallfasten, dass diese Methode anderen Methoden überlegen sein könnte. Es gibt auch Daten aus Humanstudien, dass es bessere Erfolge im Metabolismus gibt, weil unser Körper Energie nicht immer gleich verwertet, bspw. wird morgens und abends unterschiedlich gut verwertet. Das mag aber auch wieder nicht unbedingt für alle Menschen gleich gelten, und wir wissen im Moment nicht, was wirklich bei allen Menschen funktionieren würde. Insgesamt ist die Evidenzlage für das Intervallfasten aus meiner Sicht noch nicht ausreichend gut. Es gibt auch keine validen Daten, dass es zu weniger Folgeerkrankungen kommt, jedenfalls nicht durch echte Interventionsstudien am Menschen. Es fehlen schlicht gute Daten zu Langzeitauswirkungen. Wichtig ist, unabhängig ob Intervallfasten oder andere Diäten: Wir müssen es hinbekommen, wenn wir Hunger haben, nicht zu den schnell verfügbaren energiereichen Lebensmitteln zu greifen, sondern etwas auszusuchen, was man gern an gesunder Kost essen mag, und dann, statt gar nichts, lieber etwas zu essen, was schlecht verwertet wird und damit keine Gewichtsprobleme macht, eine Möhre, eine Tomate o. ä. Dafür müssen Patienten natürlich geschult werden und wissen, dass ein Kilo Möhren eine andere Bedeutung hat für die Gewichtsreduktion als 100 g Schokolade. ©Tim Gainy/Alamy Stock Fotoo Und manchmal hilft eben auch nur, sich mit Tricks selbst zu überlisten: Keine Verlockungen schaffen, lieber ein paar Nüsse oder Gurkensticks mit Quark auf den Tisch statt der Schokokekse. Und wenn ich keine Süßigkeiten essen will, dann kaufe ich sie erst gar nicht. Wenn ich nichts zuhause habe, müsste ich noch einmal zur Tankstelle oder ins Geschäft fahren, und das tue ich dann vielleicht doch nicht, weil mir der Aufwand zu hoch ist. Referenzen: 1. Lean MEJ et al. Lancet 2018;391(10120):541551. 2. Wang T et al. Improving adherence to healthy dietary patterns, genetic risk, and long-term weight gain: gene-diet interaction analysis in two prospective cohort studies. BMJ 2018;360:j5644. Online unter http://www.bmj.com/ content/360/bmj.j5644 3. Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipositas“ AWMF-Register Nr.050/001Klasse:S3Version 2.0 (April 2014) connexiplus NUTRITION 39

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