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Leseprobe CONNEXIPLUS 2020-2 Kardiorenale Achse

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THE STORY BEHIND® Der

THE STORY BEHIND® Der Schlüssel zur Katastrophe Michael Kaplan, Edinburgh connexiplus EDUCATION „In Anbetracht der Plagen, die wir durchlitten hatten, und jener, die noch kommen sollten, erkannten wir, dass sich die Weissagung des Jeremia erfüllt hatte: Draußen vor der Stadt in den Feldern sahen wir unsere Leute, erschlagen mit dem Schwert, und als wir uns in die Stadt wandten, sahen wir die Armen und Bedürftigen, vom Hunger überwältigt. Tot und erstarrt lagen sie in den Straßen.“ Die meisten von uns haben solche fürchterlichen Bilder vor Augen, wenn wir das Wort „Mittelalter“ hören. Das „finstere Mittelalter“, mit Krieg, Hunger, Krankheit und Tod – den vier Reitern der Apokalypse. Bewaffnete Konflikte ohne Ziel und ©Dina Belenko/Alamy Stock Foto Hoffnung, in denen die Beteiligten nur deswegen weiterkämpfen, weil sie das, was sie den besiegten Bauern wegnehmen, zum Überleben benötigen. Die beraubten Bauern verhungern. Seuchen, die Mensch und Tier treffen können, plötzlich und scheinbar rein zufällig, was die Menschen zu dem Schluss bringt, dass Gott entweder sehr weit weg ist oder einen großen Zorn auf seine Schöpfung haben muss. Der Tod, der immer so präsent ist, dass man sein Röcheln in allen Straßen zu hören meint, und der uns aus allen Bildern entgegen grinst. Es ist die Zeit des memento mori und des Totentanzes – Menschen, die gelähmt sind vor Angst und ständig im Schatten des Todes ihr ärmliches Dasein fristen. Das Zitat am Anfang stammt aus dem Jahr 1315. Und doch: Wenn wir nur hundert Jahre weiter in die Vergangenheit zurückgehen, begegnen wir dem Minnesänger Walther von der Vogelweide, und bei ihm klingt das Lebensgefühl des Mittelalters völlig anders: Friedlich, voller Hoffnung, sorglos und frei – im 12. und 13. Jahrhundert entwickelte sich in Europa eine Art Vor-Renaissance. Immer mehr Städte wurden gegründet und immer mehr Menschen zogen dorthin, es gab verlässliche Gesetze, Gelehrsamkeit breitete sich aus und war hoch geachtet, und verbesserte Methoden in der Landwirtschaft mit entsprechend guter Versorgungslage führten zu einem enormen Bevölkerungswachstum. Noch heute gibt es in einigen Ländern Gegenden, die damals dichter bevölkert waren als heute – Frankreich ist ein bekanntes Beispiel. Was also hat sich verändert zwischen dem hoffnungsfrohen 13. Jahrhundert und dem finsteren, verzweifelten 14.? Das Jahr, aus dem unser erstes Zitat stammt, 1315, markiert einen Wendepunkt. Dauerregen ab dem Frühjahr hatte die Ernten völlig ruiniert, so dass sich die Preise für sämtliche Lebensmittel im darauffolgenden Winter verdreifachten. Ganz Europa hungerte, von den Pyre- 44

Dô bedûhte mich zehant, wie mir dienten elliu lant, wie mîn sêle waere ze himel âne swaere, und der lîp hie solte gebâren swie er wolte. Dâne was mir niht ze wê – Da erschien es mir sogleich, dass alle Welt mir war zu Diensten, und meine Seele schwebte im Himmel, sorgenfrei. Mein Körper aber mochte hier leben, wie er wollte – wie gut ging‘s mir dabei! Aus dem Lied von Walther von der Vogelweide „Dô der sumer komen was“ (Als der Sommer wiederkam) Quelle der Übersetzung: https://lyricstranslate.com näen bis nach Polen und von Schottland bis in die Schweiz. Kannibalismus breitete sich aus. Seuchen folgten – vermutlich war es Milzbrand, denn Haustiere starben ebenso wie Menschen. Überall schlossen sich Menschen zu Gruppen zusammen, um barfuß als Büßer weite Strecken umherzuziehen und Gott um Hilfe anzuflehen. Vergeblich, es regnete immer weiter. Die Kriminalität wuchs ins Unermessliche – Diebstahl und Raub von Lebensmitteln, Mord und Piraterie nahmen überhand, das Gesetz war machtlos. In einigen Ländern dauerte dieser Horror bis 1319. Bis zu einem Viertel aller Menschen in Europa starben. Offensichtlich waren die Ereignisse ab 1315 extrem traumatisch für die, die sie durchleben mussten, und viele Historiker haben psychologische Theorien aufgestellt, wie das darauffolgende bittere Jahrhundert dadurch beeinflusst wurde: Leiden und Opfer gewannen einen viel höheren Stellenwert in der Religion, und in der Gesellschaft gingen die ritterlichen Ideale verloren. Aber das ist keine Diagnose, es ersetzt nur eine Theorie durch eine andere. Es ist ungefähr so, wie wenn man Krankheiten auf ein Ungleichgewicht der Säfte oder auf einen Mangel an ‚Lebenskraft‘ zurückführt. Auch die ökonomischen Faktoren wurden viel beachtet, denn das Feudalsystem brach zusammen und der Handel versiegte – aber auch hier: Es handelt sich um Korrelationen, nicht um Ursache und Wirkung, ebenso wie wenn man einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten einer Krankheit und hygienischen Gewohnheiten betrachtet. Um die tatsächliche Ursache von Leid und Elend im 14. Jahrhundert herauszufinden, bedurfte es eines multidisziplinären Herangehens an die Geschichte. Dabei hat eine bestimmte, sonst in diesem Zusammenhang eher selten herangezogene Wissenschaft die entscheidenden Erkenntnisse geliefert. Welche war es? 1. Geologie, 2. Philologie oder 3. Biologie? Auflösung auf Seite 66 Weitere spannende Storys finden Sie auf unserer Website www.con-nexi.de connexiplus EDUCATION 45

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