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Leseprobe CONNEXIPLUS 2020-4 Kardiorenale Achse

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INTERVIEW COVit-Studie

INTERVIEW COVit-Studie untersucht den Einfluss spezieller Nährstoffe auf den Verlauf der SARS-CoV-2-Infektion mit Prof. Dr. med. Stefan Schreiber Seit der steten weltweiten Ausbreitung des Coronavirus stehen der Erreger und die durch ihn ausgelöste Erkrankung COVID-19 im Fokus der medizinischen Forschung. Beim Kampf gegen das Virus und möglichen Strategien, die Infektion zu verhindern oder zumindest die Schwere des Krankheitsverlaufs abzumildern, könnten verschiedene Risikofaktoren eine Rolle spielen. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) fokussiert in einer bundesweiten Studie den Zusammenhang von Ernährungsinterventionen und Immunkompetenz. Die connexiplus-Redaktion befragte den Leiter Prof. Dr. Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin I, zu den Intentionen dieser Studie. connexiplus NUTRITION Welche Rolle spielt der Ernährungsstatus für die Immunkompetenz? Wir sind der festen Überzeugung, dass die Ernährungssituation einen wesentlichen Einfluss darauf hat, ob und wie ein Patient eine schwere Infektion übersteht. Auf welcher Basis wurde die Studie konzipiert? Schon in der Vergangenheit stellte man sich bei ähnlichen Erkrankungen/Pandemien, wie z. B. der sog. Spanischen Grippe die Frage, warum die Betroffenen so unterschiedliche Verläufe haben, von leichten Symptomen bis zum tödlichen Ausgang. Ist das schicksalhaft oder gibt es Vorgänge im menschlichen Körper, die darauf Einfluss haben? Das Influenza virus hat damals, seit dem ersten Ausbruch 1909, und dann in drei schweren Wellen von 1918 bis 1920, Millionen von Menschen umgebracht. Viele damalige Umstände haben sich seither geändert, aber wir haben jetzt trotzdem, wenige Monate nach Ausbruch der SARS- CoV-2-Pandemie, weltweit schon 1.007.769 Todesfälle (Deutschland fast 9.500, Stand 30.9.2020). 48

Einer der offensichtlichen Einflüsse auf die Mortalität zwischen 1918 und 1920 war nach dem Ersten Weltkrieg eine Ernährungssituation der Bevölkerung, die mit einer Protein-Kalorien- Malnutrition alles andere als optimal war. Wir glauben, dass die hohe Todesrate auf eine spezifische Unterernährungssituation zurückzuführen war. Und auch heute vermuten wir, obwohl die Ernährungssituation sehr viel besser ist als damals, dass der Ernährungsstatus des einzelnen Menschen nicht immer ausreichend so ausbalanciert ist, um Angriffen wie z. B. durch ein aggressives Virus erfolgreich zu widerstehen. Wir sind überzeugt, dass Mangelernährung also noch immer ein wesentlicher Risikofaktor für einen schweren Verlauf einer Infektionserkrankung wie COVID-19 ist. Eine Mangelernährung ist zwar heute nicht mehr vergleichbar mit der vor 100 Jahren, wo es an allem fehlte. Aber wir wissen, dass auch mit der derzeitigen Lebens-/Ernährungsweise dem Körper nicht alles gleichermaßen an Nährstoffen zugeführt wird, was er braucht. Im Gegenteil, einiges ist vielleicht sogar schädlich, wenn es dauerhaft und „bis zum Anschlag“ zur Verfügung steht. Prof. Dr. med. Stefan Schreiber stefan.schreiber@uksh.de Worauf beruht die Hoffnung, die Schwere des Verlaufs einer Infektionskrankheit durch Ernährungsinterventionen beeinflussen zu können? Dafür, dass die hohe Todesrate während der Spanischen Grippe auf eine spezifische Malnutritionssituation zurückzuführen war, gibt es überzeugende tierexperimentelle und Daten aus epidemiologischen Studien. Tiere, denen bestimmte Nährstoffe fehlten, werden stärker krank. In weiteren Studien wurde festgestellt, dass molekulare Ernährungsinterventionen im Tiermodell eine reparierende Wirkung für die Immunfunktion haben und ihnen eine antientzündliche Wirkung zukommt. Beim Menschen wurde bei bestimmten Erkrankungen gesehen, wie die Infektion selbst den Tryptophanstoffwechsel beeinflusst. Bei Patienten mit SARS oder nach einer Ansteckung mit dem MERS-CoV-Virus und bei Grippekranken wurde eine Verknappung von Tryptophan, eine essenzielle Aminosäure, die vom menschlichen Körper nicht gebildet wird und mit der Nahrung zugeführt werden muss, beobachtet. Offenbar baut der Körper bei chronischen Entzündungen Tryptophan ab und wandelt sie in Stoffwechselprodukte um, die selbst entzündungsfördernd sind und somit den Heilungsverlauf negativ beeinflussen. Mit dieser Art der Mangelernährung überstehen die Patienten chronische Infektionen dann also schwerer als Menschen mit besserem Ernährungsstatus. connexiplus NUTRITION 49

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